Stadt im Nebel

Hätte sich Tomek nicht überreden lassen, mit seinen Freunden feiern zu gehen, wären seine Fahrradreifen nicht aufgeschlitzt worden und er müsste nun nicht auf Omas Klapprad durch den bleigrauen Morgennebel hetzen. Kommt er heute wieder zu spät, braucht er sich nicht mehr auf Arbeit blicken zu lassen.
Am anderen Ende der Stadt steigt Rosi in den Bus, der sie zu ihrem Betrieb fährt. Heute zum letzten Mal – so hat sie es entschieden. Nur wenige Monate sind seit Maueröffnung vergangen und doch wurde in dieser kurzen Zeit ihr ruhiges, bescheidenes Leben völlig umgekrempelt. Was dieser Umbruch für sie und die Menschen um sie herum bedeutet, vermag von hier aus niemand zu erkennen.

Der Zufall bestimmt, wo der Leser anfängt und wem er zunächst durch die Stadt folgt, denn die Geschichte beginnt auf beiden Seiten des Buches. Die halbtransparenten Seiten verkürzen sich zur Buchmitte hin, wodurch nach und nach zwei Erzählebenen sichtbar werden. Zugleich wird beim Blättern immer mehr von der jeweils gegenüberliegenden Geschichte freigelegt. Das lineare Lesen ist aufgehoben. Durch Drehen des Buches und einen Richtungswechsel beim Blättern lassen sich unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Zuletzt stehen sich zwei schmale Seitenstreifen wie eine Straße gegenüber.
Rosi und Tomek bewegen sich aufeinander zu, dichter Nebel schluckt die Umgebung – und für einen Augenblick berühren sich ihre Wege.

  • Text von Jule Claudia Mahn.
  • Prägungen mit Folie, Pochoir in Weiß und Buchdruck von Photopolymerklischees auf Paptic Tringa.
  • Flexibler Einband mit gefaltetem, halbtransparentem Umschlag in einer Mappe.
  • 23 × 47 cm. 38 Seiten.
  • Auflage von 20 Exemplaren.
  • Leipzig, 2026.